Kunst und Propaganda

Kunst und Propaganda, Shirin Soltani, Iran Journal, 27.03.2015

Monate vor der Eröffnung der 56. Kunstbiennale in Venedig am 9. Mai sorgt die Teilnehmerliste des iranischen Pavillons für Beschwerden. Die international renommierte Künstlerin und Staatskritikerin Parastou Forouhar protestiert dagegen, von der Islamischen Republik für Propagandazwecke benutzt zu werden.
Seit ihrer Gründung im Jahre 1895 gehört die Biennale in Venedig zu den weltweit angesehensten Kunstereignissen der Gegenwart. Seit 2003 präsentiert sich auch der Iran nach 40 Jahren Abstinenz bei dieser Kunstschau, bei der maßgeblich das Teheraner Museum für Gegenwartskunst seine Annäherung an zeitgenössisches Kunstschaffen unter Beweis zu stellen versucht.

Die Vereinnahmung
Dieses Jahr schmückt sich die iranische Regierung mit einem Großaufgebot von etwa 50 KünstlerInnen aus unterschiedlichen Ländern auf der 56. Biennale. In ersten Pressemitteilungen wurde eine Teilnehmerliste veröffentlicht, auf der unter anderem der Name der international renommierten Künstlerin Parastou Forouhar stand – ohne deren Zustimmung. Nun protestiert sie öffentlich gegen diese Vereinnahmung.
Trotz der Gespräche und Schreiben im Vorfeld der Bekanntgabe, bei der sich die Künstlerin eindeutig gegen ihre Teilnahme für den iranischen Pavillon ausgesprochen hatte, wagten es die beiden Kuratoren, Marco Meneguzzo und Mazdak Faiznia, die Staatskritikerin Parastou Forouhar in die auffallend große Auswahl an KünstlerInnen, die die Islamische Republik in Venedig vertreten werden, einzureihen.

Das Branding
„Als Künstlerin mit einer äußerst kritischen Haltung gegenüber der Islamischen Republik fühle ich mich benutzt, ausgebeutet und gefangen. Es ist für mich eine professionelle und moralische Beschädigung, als Künstlerin, die dieses Regime vertritt, angekündigt zu werden“, protestierte Parastou Forouhar in einer öffentlichen Stellungnahme.
Doch da war es schon zu spät: Ihr Name wurde zwar aus dem offiziellen Katalog der Biennale nachträglich entfernt. Aber die Pressemitteilungen, die auf der Grundlage dieser ersten Publikation veröffentlicht wurden, sowie Webseiten, die über die Ausstellung informieren, bewahren Forouhars Namen. Die Entschuldigung für das Fehlverhalten der beiden Kuratoren und der Organisatoren der Biennale sei leise und dürftig ausgefallen, sagt Parastou Forouhar im Gespräch mit Iran Journal. Eine ausreichende Erklärung, warum sie gegen ihren ausdrücklichen Willen auf die Teilnehmerliste gesetzt wurde, habe sie nicht erhalten.

Das große Spiel
Der Biennale, die unter dem Motto „All the world´s future“ angelegt ist, begegnet der iranische Pavillon mit dem Thema „The Great Game“. Die beteiligten KünstlerInnen sollen sich mit dem historischen Konflikt zwischen Russland und Großbritannien über die Vorherrschaft in Zentralasien im 19. Jahrhundert – genannt „The Great Game“ – auseinandersetzen.
„Eine solche Fokussierung auf den Kolonialismus in dieser Region, ohne den Mangel an Freiheit und die Repression, die dort stattfindet, zu benennen, finde ich eine einseitige Lesart der Krise. Dadurch wird die Verantwortung der dortigen Regierungen und die Situation der Zivilgesellschaften verschwiegen“, kritisiert Forouhar.
Es sind auch KünstlerInnen aus Afghanistan, Aserbaidschan, Indien, dem Irak und Pakistan eingeladen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. „Weil man ihnen eine Affinität zu dem Thema unterstellt“, sagt die in Deutschland lebende Künstlerin: „Aber man verschweigt dabei die Zensur und die Repressionen. Das empfinde ich als ein Täuschungsmanöver und das habe ich den Verantwortlichen auch deutlich so geschrieben.“

Das Dilemma
Biennalen sind als Instrument der Selbstdarstellung von Nationen und regionaler Kulturidentitäten zu sehen. So geben auch die VeranstalterInnen in Venedig allen Regierungen die Möglichkeit, sich so zu präsentieren, wie sie es für angemessen halten. Jeder Pavillon stellt also eine Art staatlich organisiertes Empfangszimmer dar. Das Dilemma zwischen dem Freigeist der Kunst und der staatlichen kontrollierten Repräsentationsfläche tritt beim iranischen Pavillon deutlich zu Tage.
Parastou Forouhar fragt sich deshalb, wie die iranische Regierung, die im eigenen Land Meinungsfreiheit bestraft, ihre Version von Kunst auf einer großen internationalen Kunstbühne darstellen kann: „Hier versucht der Staat eine Art Pufferzone aufzubauen, indem er behauptet, die Kuratoren arbeiteten unabhängig. Das sehe ich als Täuschung.“

Nachdenken über den Sinn der Kunst
Mit ihrem Protest will Forouhar erreichen, dass über den Sinn von Kunst – sei es als Reflexion, als Widerstand oder partizipatorisches Element – nachgedacht wird. Kann der iranische Pavillon mit seinen Vorgaben so etwas wie künstlerische und gesellschaftliche Diskurse in Gang setzen? Können die staatlich bestellten Kuratoren Meneguzzo und Faiznia überhaupt die freie Meinungsäußerung der KünstlerInnen zulassen? Darüber solle öffentlich und privat nachgedacht werden.
Vergleicht man die erste Liste der KünstlerInnen, die die Kuratoren veröffentlichen ließen, mit der aktuellen Namensliste auf der Internetseite der Biennale, sieht man, dass insgesamt sechs Namen fehlen – offenbar haben sich einige KünstlerInnen schon ihre Gedanken gemacht.
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