Ornament des Verbrechens

Ornament des Verbrechens, Brigitte Werneburg, taz, 13.07.2011

“Political Pattern – Ornament im Wandel” als dritter Teil der Reihe “Kulturtransfer” zeigt in der ifa-Galerie Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die sich dem Ornamentalen von der subversiven Seite nähern.
“Ornament und Verbrechen” hat der Wiener Avantgarde-Architekt Adolf Loos 1908 sein berühmtes Pamphlet gegen das Dekorative in der Kunst überschrieben. Aber erst jetzt, rund hundert Jahre später, wäre “Ornament und Verbrechen” der wirklich treffende Titel – allerdings für die Feier des Ornaments, wie sie derzeit eine Ausstellung in der ifa-Galerie vollzieht.
Wollte Loos das Ornament durch dessen Genealogie diffamieren, die nach Loos’ polemischer Interpretation auf die Körpertätowierung zuerst der primitiven Urvölker, später der Verbrecher zurückzuführen ist, stellt sich nun just das Ornament als der ideale Ort der Kunst heraus, an dem das Verbrechen, namentlich das politische Verbrechen in aller Welt, kritisch visualisiert und nachhaltig erinnert werden kann.
Wer bei der 10. Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten den Innenhof eines historischen Gebäudes in der Nähe des Kunstmuseums betrat, schien mit einem Blutbad konfrontiert. Blutrote Lachen übersäten den Boden und Farbspritzer zogen sich über die Treppen bis zu den Wänden hoch. Trat man näher, entdeckte man in diesem gespenstigen Bodenbelag zarte, weiße, florale Ornamente. Die Installation hatte Imran Qureshi geschaffen. Der 1972 in Indien geborene Künstler lebt heute als Professor für Miniaturmalerei in Lahore, Pakistan.
In der ifa-Galerie ist nun eine Reihe von Blättern zu sehen, mit blutroten Körperabdrücken, Händen etwa oder Fußsohlen, die gleichermaßen diese kleinen, weißen Blattornamente aufweisen, wie sie in der Installation in Sharjah zu entdecken waren. Anregt wurde Imran Qureshi zu dieser Arbeit durch einen Lynchmord in der pakistanischen Kleinstadt Sialkot, der gefilmt und ausgestrahlt worden war und in Pakistan, trotz aller Gewöhnung an alltägliche Gewalt und politischen Mord, für große Empörung gesorgt hatte. Dieser Abscheu vor der Grausamkeit, so erzählt es der Künstler Sabine B. Vogel, der Ausstellungskuratorin, habe bei ihm neue Hoffnung entstehen lassen, der er in der weißen Ornamentik Ausdruck zu geben versucht.
Nach “Another Country”, “Cut & Mix” (taz vom 3. Februar 2011) ist “Political Pattern – Ornament im Wandel” die dritte Ausstellung in der Reihe “Kulturtransfer” der ifa-Galerie, die die wechselseitige kulturelle Beeinflussung verschiedener Gesellschaften thematisiert. Im Fall von Imran Qureshi und dem National College of Arts, an dem er lehrt, sind es westliche konzeptuelle Ansätze, die in die althergebrachte Kunstform der Miniatur- und Ornamentmalerei einfließen. Legitimiert durch die kulturell unangefochtene Form können die Künstler ihr eigenes, individuelles Vokabular entwickeln, in dem sie dann ganz aktuelle persönliche, gesellschaftliche und politische Themen darstellen.
Das Ornament als böses Inbild unserer Gegenwart hat Parastou Forouhar in Berlin eingeführt. Ihre ornamentale Raumzeichnung “Heimatanschrift” fiel 2000 im Haus der Kulturen der Welt auf, und spätestens 2003 stieß man in ihrer Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof “Tausend und ein Tag” schon auf die wunderschönen wandfüllenden Ornamente, die sich bei näherer Betrachtung als abstrahierte Folter- und Steinigungsszenen enthüllten.
Das Ornament als Camouflage für politische Stellungsnahme hat Parastou Forouhar nun in Form von frei im Raum aufgestellten Spielbrettern weiterentwickelt. Es wird mit zwei Figuren aus Papier gespielt: hochgereckten, hilfesuchenden Armen; der Würfel erinnert an einen Käfig, das Schachbrett zieren menschliche Figuren, die einmal ein Messer, die anderen Male eine Pistole, einen Schlagring oder eine Handgranate so halten, dass die Waffe je isoliert in einem Quadrat zu liegen kommt. Zieht man im Spiel auf ein solches Waffenfeld, hat man verloren und ist tot.
Im Gespräch mit Sabine B. Vogel, die das Thema der Ornamentik in der zeitgenössischen Kunst, nach “Die Macht des Ornaments” im Wiener Belvedere 2009, nun schon in einer zweiten Ausstellung verfolgt, verweist Forouhar auf die Parallelität von Ornament und politisch-totalitärem System: “Beides Mal wird jede Abweichung, wird Individualität zur Störung, zerstört die Ausgewogenheit und damit das System wie eine Laufmasche.”
Diesen Systemabsturz bewirken die Frauen der bulgarischen Künstlerin Adriana Czernin nicht. Hoffnungslos sehen wir sie in ein Spinnennetz aus Arabesken verfangen, wobei sich, in Gustav Klimt ähnlicher Manier, Kleid und Hintergrund unauflösbar ineinander verweben. Auch Czernin betont in ihren großformatigen Aquarell- und Bleistiftzeichnungen den Zwangscharakter des Dekorativen. Wiederholung, Horror Vacui und das Streben nach idealen und ewig unveränderlichen Strukturen sind die Stichworte, mit denen sie ihre ambivalente Faszination am Ornament benennt. Entsprechend melancholisch-schön bis angsteinflößend sind ihre Nato-Stacheldraht-Geometrien.
Furchteinflößend sind auch die Soldaten-Silhouetten in Abdulnasser Gharems aus Gummistempeln zusammengefügtem Ornamentgemälde “Men at Work”. Auch dieser Künstler (und Major der saudi-arabischen Streitkräfte) seziert den dekorativen Zwang. Gerade die einer strengen Hierarchie unterworfenen Krieger können der Arabeske von Herrschaft und Bürokratie (für die der Gummistempel steht) nicht entkommen.

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