Zeichenschwärme

Zeichenschwärme (Written Room)Hamid Ongha, 2012

Das gesamte Treppenhaus des Gewerbegebäudes aus Beton mit schlichtem Putz ist mit dem persischen „Nastaliq“- Schrifttyp bemalt: Acryl auf Beton. Durch die Eleganz der Wortschwärme angenehm beeindruckt, suche ich instinktiv nach Suren aus dem Koran oder nach Versen persischer klassischer Dichter. Doch keines der Wörter hat eine sprachliche Bedeutung. Der allzu leichte Zugang über die Kenntnis der Schrift ist versperrt. Das sind keine Schriftzeichen, die entziffert werden könnten. Hier wird kein Text vermittelt.
Sind es überhaupt Wörter? Tatsächlich scheinen sich die einzelnen Buchstaben in einem heftigen Kampf  aus dem ihnen aufgestülpten Wortkerker befreien zu wollen. Die eleganten „Kaf“ und „Gaf“ (entsprechen dem „K“ und „G“) schießen als Parallelogramme nach oben, unten und seitwärts, mühsam gehalten von gedrungenen und stämmigen „Mim“ „He“ oder „Ye“ (entsprechen dem „M“, „H“ und „J“).

Im explosionsartigen Auseinanderdriften verlieren sogar die in Jahrhunderten auf Moschee- und Palastwänden, Minaretten und Kuppeln gezogenen, gewundenen, gedrehten, geweiteten und geketteten Buchstaben, die trotz Formenvielfalt immer zu identifizieren sind, ihre Bedeutung. Hier fließen die Formen einer das visuelle Bewusstsein beherrschenden Schriftkultur unmerklich und mit der sanften Gewalt der nicht aufzuhaltenden neuen Wachstumsphase in ein abstraktes Zeichensystem hinein.

Wie aus einer chaotischen Ursuppe neu entstandene Organismen, erkunden nun die Zeichen die neue Umwelt, fließen über Flächen, Ritzen und Ecken, arbeiten sich durch die Oberflächenbeschaffung, greifen in alle zur Verfügung stehende Dimensionen hinein und dehnen den Raum.
Von der Gestalt her noch an das alte Schriftbild anknüpfend, verlassen die so getarnten Zeichen, in gewundenen Karawanen und fliegenden Formationen ihren ursprünglichen Rahmen in den heiligen Schriften und sakralen Bauten. Sie entziehen sich der Tyrannei religiöser Texte und der Enge weihevoller Architektur, ohne respektlos zu wirken. Sie verlassen einfach diese Orte in aller Stille um woanders spektakulär aufzutreten. Der Käfig des Gedankens ist offen. Der Vogel der Phantasie schlüpft hinaus.
Das Befremden über die erste Unordnung und Verwirrung angesichts der Flut und des Wirbels der ziehenden Zeichen, weicht  allmählich der ästhetischen Einsicht in ein sich abzeichnendes neues aber noch nicht begriffenes Ordnungssystem. Ein System, das trotz zwanghaftem, immer wiederkehrenden Bezug auf  die überlieferte „Schrift“, einen neuen Lebensraum geschaffen hat.
Für nicht „Schriftkundige“ steht das Ergebnis der Betrachtung auch ohne diesen Umweg der Reflexion fest: Parastou Forouhars Schriftzeichen befallen wie ein Pilz die Flächen, breiten sich nach einem genetisch vorgegebenem Wachstumsmuster systematisch und unaufhaltsam aus und erobern den Raum. Die gestalterische „Ökonomie“ ihrer Verbreitung erinnert an das Verhalten von Quanten im physikalischen Raum, dem die moderne Physik, zumindest mit den Methoden des Experiments,  nicht ganz beikommt. Wenn experimentell nicht direkt nachzuweisende Teilchen trotzdem die Grundlage der  physischen Körperwelt bilden und sie zusammenhalten, dann ist die fortgesetzte Entdeutung und Teilung der Buchstaben einer noch ganz im Bildhaften erstarrten Schrift, eine künstlerische Grundlagenforschung ganz besonderer Art.
Dieser Gedanke drängt sich bei einem anderen Kunstexperiment Parastou Forouhars auf. An einigen Ausstellungsorten, die sie flächendeckend beschriftet hat, sind Hunderte von Tischtennisbällen zusätzlich mit Schriftzeichen bemalt und in einem Schwall in den Raum hineingegossen. Zur Ruhe gekommen, fördern die beschrifteten Tischtennisbälle  im Ensemble mit dem flächendeckend bemalten Raum, das Gefühl bedrückender Omipräsenz der Schrift- und Texttradition. Näher besehen ist die bemalte Grundlage (diese imaginäre Haut) jedoch schon über und über von den neuen Zeichen befallen
Über das vorgeblich bekannte Muster der Kalligraphie wird der  Betrachter in den Strom beunruhigender Reflexionen über den Stand seiner kulturellen Identität hineingezogen. Dabei wird er das Gefühl nicht los, die Künstlerin zwinkere ihm durch den Einsatz so spielerischer Mittel und luftiger Formen wissend zu.
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